Im Spiegel des Anderen

Han­no Loewy ist gebür­tiger Frank­furter und ken­nt das Jüdis­che Muse­um schon seit Mitte der Neun­ziger. Zusam­men mit sein­er Frau Astrid war er oft zu Besuch in Hohen­ems und schon immer hat­te er das Gefühl, dass dieser Ort ein span­nen­des Poten­zial hat. Seit 2004 ist er Direk­tor des Jüdis­chen Muse­ums in Hohen­ems. Im Inter­view spricht er über eine Vari­a­tion von Wider­sprüchen — und wie wir in Verbindung bleiben kön­nen.

Wie beschreib­st du den Charak­ter des Jüdis­chen Muse­ums?
Wir haben das Muse­um als inspiri­eren­den Ort erlebt, vieldeutig und wider­sprüch­lich. Und als einen Ort der Entspan­nung – auch und ger­ade dann, wenn es um Dinge geht, über die man sich son­st stre­it­et. Das Muse­um ist nah an den Men­schen und zugle­ich glob­al ver­net­zt. Es kon­fron­tiert mit Fra­gen, die jeden betr­e­f­fen, Fra­gen nach dem Zusam­men­leben in ein­er Gesellschaft, in der die Men­schen von unter­schiedlichen Tra­di­tio­nen, Herkün­ften und Reli­gio­nen geprägt sind, wo jed­er von irgend­woher kommt.
Im Muse­um wer­den die Gren­zen von „wir“ und „die Anderen“ in Frage gestellt. So kann man sich selb­st ein­mal im Spiegel des Anderen sehen.

Inwiefern hat die Geschichte des Jüdis­chen Vier­tels in Hohen­ems zum beson­deren Wesen der Stadt Hohen­ems beige­tra­gen?
Die Stadt hat keine Mitte, keinen tra­di­tionellen Mark­t­platz, um die die Kirche, das Rathaus und die Gasthäuser herum ste­hen, wie ander­norts. Alles hier war immer bipo­lar. Erst die Burg und das Dorf, dann der Palast und das Städtchen, dann Juden­gasse und Chris­ten­gasse, dann die Einge­sesse­nen und die ital­ienis­chen Arbeit­er, dann irgend­wann „wir“ und „die Türken“.
Das Muse­um hat diese Wider­sprüche unter­laufen, sie als eine pos­i­tive Energie der Stadt freigelegt – was natür­lich auch mit Nos­tal­gie zu tun hat­te, mit einem wieder­erwacht­en Inter­esse an Geschichte und alter Bausub­stanz. Aber mit diesem Begeg­nung­sort mit­ten in der Stadt begann nicht nur die Ret­tung des alten Zen­trums, son­dern auch die Wiedergewin­nung ein­er urba­nen, stre­it­baren Öffentlichkeit.

Was bere­ichert dein Gefühl von Heimisch-Sein in Vorarl­berg? Gibt es unsicht­bare Gren­zen?
Die Vorarl­berg­er sind ein wider­sprüch­lich­es Völkchen, irgend­wie mit­ten­drin, und nir­gends ganz zuge­hörig. Und dann gehen die Men­schen hier plöt­zlich auf die Straße und demon­stri­eren dafür, sich gegenüber „Frem­den“, gegenüber Flüchtlin­gen wie Men­schen zu ver­hal­ten, inmit­ten ein­er Poli­tik, die täglich nur Kälte, Zynis­mus und Ver­ach­tung predigt. So heimisch wie bei diesen Demon­stra­tio­nen hab ich mich in Frank­furt nie gefühlt.
Unsicht­bare Gren­zen spüre ich dann, wenn gute Fre­unde an ihrem Geburt­stag die meis­ten ihrer Gäste schon aus der Volkss­chule ken­nen. Da merkt man doch auch, wie eng die Net­zw­erke hier sind.

Was bedeutet „Jüdisch sein“ für dich ganz per­sön­lich?
Einen Haufen offen­er Fra­gen. Meine Eltern sind davon geprägt gewe­sen, dass man sie aus Deutsch­land ver­trieben hat und dass sie die bewusste Entschei­dung getrof­fen haben, wieder zurück­zuge­hen. Das Juden­tum war für sie eine Erfahrung, und ein großer geistiger Hor­i­zont, nicht religiöse Rit­uale oder der Glaube an überirdis­che Mächte. Für mich ist das Juden­tum der Ver­such, seine Beson­der­heit zu bewahren und zugle­ich uni­ver­sal­is­tisch zu denken. Aus diesem Wider­spruch sind die monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen ent­standen, aber auch die Idee der Men­schen­rechte. Heute, nach dem Holo­caust und im Nation­al­is­mus Israels, ist vieles davon ziem­lich ver­schüt­tet.

Was ist deine kühn­ste Utopie von Hohen­ems für 2029?
Dass sich 2029 die Cen­tral Euro­pean Uni­ver­si­ty in Hohen­ems ansiedelt. Vor allem hoffe ich, dass die Entwick­lung im Hohen­emser Zen­trum nicht zu sozialer Ver­drän­gung führt, son­dern alle mit­nimmt, auch Migranten und Flüchtlinge. Das geht nur, wenn Stadt und Land aktiv auch sozialen Woh­nungs­bau in Zen­trum­snähe betreiben.

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10-12 und 14-16 Uhr

Jüdisches Museum Hohenems
Villa Heimann-Rosenthal
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